Ein-Euro-Jobber bauen Gebäude aus dem Harz nach: Wernigerode (ddp). Wolfgang Mierke sitzt an seiner Werkbank mit der Minikreissäge und baut aus weit über 30 Einzelteilen einen nicht einmal Handtellergroßen Fensterrahmen zusammen.
Es ist eine ziemliche Fummelei, die einzelnen PVCElemente miteinander zu verkleben. Mierke ist einer von 15 Mitarbeitern der Schauwerkstatt des Bürgerparks in Wernigerode, die bekannte Gebäude der Harzregion im Maßstab 1:25 nachbauen oder, wie jetzt im Winter, Reparaturen an bereits fertigen Modellen vornehmen. Die Modellbauer sind überwiegend Ein-Euro-Jobber. „Wir leben wie Künstler“, sagt der 53-jährige Mierke etwas sarkastisch. „Die sind immer arm.“
Es hat drei Jahre gedauert, genug Modelle zu bauen, um im Mai dieses Jahres den Miniaturenpark „Kleiner Harz“ auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau, dem heutigen Bürgerpark, zu eröffnen.
Die Idee kam von der Oskar-Kämmer-Schule, einem lokalen Bildungsträger. Mierke ist seit fast zwei Jahren dabei und damit einer der dienstältesten Modellbauer in der Werkstatt. Derzeit stehen rund 60 Gebäude im Winterlager, darunter die Kaiserpfalz in Goslar und ein 4,50 Meter hoher Halberstädter Dom. Eines von zwölf neuen Projekten ist der sogenannte Schafstall. In dem Gebäude der ehemaligen Landwirtschaftsschule ist heute unter anderem die Schauwerkstatt untergebracht.
Den Humor haben die Ein-Euro-Jobber nicht verloren. Dabei ist ihre Zukunft ungewiss. Die Arbeitsverträge mit der Kommunalen Beschäftigungsagentur (KoBa) dauern zwischen sechs und zwölf Monaten und scheinen stark nachgefragt zu werden. „Wir haben Wartelisten für diese Arbeitsplätze“, sagt Ingolf Fölsch von der Oskar-Kämmer-Schule. Trotz des niedrigen Lohns würden die Leute bei der KoBa Schlange stehen. Neben der Schauwerkstatt betreibt der Bildungsträger eine weitere, mehr als 800 Quadratmeter große Werkstatt. Insgesamt sind in dem Projekt etwa 100 Beschäftigte tätig. Mierkes Vertrag läuft zehn Tage vor Weihnachten aus. Der gelernte Matrose der Handelsschifffahrt, der lange Jahre in Bilderrahmen und Bleiverglasung machte, hofft, dass sein Vertrag noch einmal verlängert wird. Denn auf dem Arbeitsmarkt im Landkreis Harz mit einer Arbeitslosenquote von 11,2 Prozent sieht es für den 53-Jährigen düster aus. Durch seinen jetzigen Job hat er am Monatsende immerhin 120 Euro extra in der Tasche.
Ein gerechter Lohn für die geleistete Arbeit sei das natürlichnicht, sagt Mierke völlig ohne Bitterkeit in der Stimme. Aber es sei immerhin Arbeit, die auch noch Spaß mache. Selbst wenn sie daraus besteht, 40 000 einzelne Miniatur-Dachpfannen für ein einziges Gebäude auszustanzen. „Da kriegt man Arme wie Popeye“, sagt Mierke. Noch arbeitsintensiver sei es allerdings gewesen, die Schieferplatten für das Blankenburger Rathaus per Hand auszuschneiden und aufzukleben. Eine Kollegin habe allein für die Fertigstellung einer Dachseite vier Monate gebraucht. Das Rohmaterial fast aller Gebäudeteile ist ein leicht zu verarbeitender PVC-Hartschaum. Nur für die detailgetreue Nachahmung filigraner Schnitzarbeiten, wie bei der Fassade des Krummelschen Hauses aus der Wernigeroder Altstadt, nutzen sie die Knetmasse Fimo. Touristen, von denen an guten Tagen 30 bis 40 die Schauwerkstatt besuchen, hätten Fotos von dem aufwändig gestalteten Modell gemacht und es mit der Originalfassade verglichen, erzählt Mierke. „Sie waren begeistert.“

Das seien die meisten der mehr als 50 000 Besucher, die im Sommer die Modelle auf der Außenanlage gesehen haben. Natürlich gehe Lob „runter wie Öl“, sagt der 53-Jährige. Mierke hofft, dass in der Werkstatt irgendwann feste Arbeitsplätze für talentierte Leute wie ihn entstehen. Bislang gibt es die nur für die Anleiter. Ingolf Fölsch kann ihm diesen Wunsch nicht erfüllen. „Dafür ist letztendlich die Bürgerpark GmbH zuständig“, sagt er. Wolfgang Mierke baut deshalb vor. Da er ohnehin nicht mehr als vier Tage pro Woche arbeiten darf, hat er eine Umschulung zum Heilpraktiker und Physiotherapeuten absolviert und versucht nun, in diesem Berufsfeld Tritt zu fassen.
Harzer Volksstimme