Arbeitsplätze für Schwerbehinderte: Wernigeröder KoBa hat Ilsenburgerin erfolgreich vermittelt: In Zeiten, da weltweit versucht wird, den Folgen der Wirtschaftskrise mit Entlassungen, Kurzarbeit oder Einstellungsstopps zu begegnen, kann die Kommunale Beschäftigungsagentur KoBa von sogenannten Vermittlungserfolgen berichten, die fast unglaublich klingen: Über 55-Jährige, viele Jahre erwerbslos und behindert finden Arbeit – ermöglicht durch ein spezielles Fördergeldprogramm.
Ilsenburg. Edelgard Dreibrodt räumt die leeren Limonadengläser vom Tisch, die kleine grüne Brauseflasche gleich mit. Ihr „Revier“ ist die Cafeteria in einem Ilsenburger Pflegeheim. Dass die 57-Jährige gesundheitlich gehandicapt ist, ist auf dem ersten Blick nicht zu bemerken.
Als Kranfahrerin hatte die Ilsenburgerin einst im Walzwerk in der Ilsestadt gearbeitet. Dabei tonnenschweren Stahl mit Leichtigkeit bewegt. Schon mit 30 Jahren erkrankte die Netzhaut ihrer Augen. Inzwischen kann sie vieles nur noch verschwommen sehen. Edelgard Dreibrodt ist deswegen zu 70 Prozent schwerbehindert. Ans Kranführerdasein ist längst nicht mehr zu denken, doch auch andere Arbeit zu finden, ist ein großes Problem. In den vergangenen zwölf Jahren hat die Ilsenburgerin kaum eigenes Geld verdienen können. Mal abgesehen, von einem kleinen Job in einem Hotel der Ilsestadt. Zuletzt hat sie Sozialhilfe bekommen, den sogenannten Hartz-IV-Satz von 359 Euro und dazu den Mietzuschuss. Seit diesem Monat verdient Edelgard Dreibrodt wieder ihr eigenes Geld, hat sie für 20 Stunden in der Woche eine Arbeit. Zum 1. Juni hat sie einen Beschäftigungsvertrag unterzeichnet, befristet auf fünf Jahre. Dann kann sie abzugsfrei in Rente gehen. Ihr Chef, Heimleiter Götz Bokemüller, zählt die Aufgaben seiner neuen Mitarbeiterin auf. Neben der Bedienung in der 25 Plätze bietenden Cafeteria, übernehme sie Aufgaben an der Rezeption, verkaufe aus einem Kioskangebot Hygieneartikel an Bewohner, helfe in der Heimküche und rechne abends „selbstverständlich auch ihre Kasse ab“. Nach einer kurzen Probephase hätten beide Seiten gewusst, man passe zueinander, so Bokemüller.
Weil dieser Arbeitsplatz zusätzlich geschaffen wurde, und weil das von der Diakonie betriebene Heim bereits anderen Behinderten eine Beschäftigung bietet, konnte die Wernigeröder KoBa eine neue Förderung für den Arbeitsplatz von Edelgard Dreibrodt anbieten. Der Arbeitgeber erhält einen vertraglich geregelten Lohnzuschuss, im konkreten Falle der Ilsenburgerin von 95 Prozent im ersten Jahr abnehmend auf 55 Prozent in fünf Jahren, informierte Barbara Ühre von der Wernigeröder Beschäftigungsagentur.
Zusätzliche Leistungen wie das 13. Monatsgehalt oder bevorstehende Lohnerhöhungen, auch eine mögliche Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden seien in jedem Falle vom Arbeitgeber allein zu finanzieren, die KoBa oder auch die sogenannten Arbeitsgemeinschaften, die ebenfalls Hartz-IV-Betroffene betreuen, zahlen allein den im Vertrag festgelegten Zuschuss.
Finanziert werde dies vom Sozialministerium, das seinerseits jene rund acht Millionen Euro zur Verfügung stellt, die Betriebe dafür als Abgabe zahlen müssen, weil sie nicht ausreichen Behinderte beschäftigen. Laut Übersicht der KoBa konnten seit Programmstart im Mai zum 1. Juni bereits sieben Behinderte eine Arbeitsstelle vermittelt bekommen. Von diesem Erfolg fast selbst überrascht, wird nun für die Jahre 2010 bis 2013 mit bis zu 35 solcher neuen Stellen geplant. An diesem Förderprogramm interessierte Firmen erhalten von Barbara Ühre, Telefon (0 39 43) 58 3335, weitere Informationen.
Heimleiter Götz Bokemüller freut sich daran, dass seine neue Kollegin beinahe täglich mehr Selbstvertrauen gewinnt, dass ihre Arbeit nach so kurzer Zeit bereits anerkannt werde. Und Edelgard Dreibrot bekennt freimütig: „Manchmal staune ich über mich selbst.“ Befragt, was für sie das Tollste am neuen Job ist, antwortet die Ilsenburgerin: „Endlich kann ich von meinem eigenen Geld auch mal etwas zur Seite legen.“
Harzer Volksstimme