Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Sindy Barchmann dank "Bürgerarbeit" eine feste Anstellung. Bisher widmete sie sich seit 18 Jahren ihren heranwachsenden zehn Kindern - seit gestern betreut sie im AWO-Zentrum Senioren.
Über Bürgerarbeit will Sindy Barchmann in ein ganz normales Arbeitsleben hineinfinden
Erst die Kinder betreut, nun die Senioren
Von Andreas Bürkner
Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Sindy Barchmann dank "Bürgerarbeit" eine feste Anstellung. Bisher widmete sie sich seit 18 Jahren ihren heranwachsenden zehn Kindern - seit gestern betreut sie im AWO-Zentrum Senioren.
Blankenburg l "Meine Kinder haben sich für mich gefreut", erzählt Sindy Barchmann an ihrem ersten Arbeitstag. Seit gestern betreut sie über einen "Bürgerarbeitsplatz" im Wohnbereich "Bartholomäuskirche" des Blankenburger AWO-Seniorenzentrums am Thiepark insgesamt 18 Senioren.
Selbst für die Kommunale Beschäftigungsagentur (KoBa), welche ihre Stelle als eine von 45 im Stadtgebiet Blankenburg bewilligt hat, ist Sindy etwas Besonderes. "Sie hat doch bisher in ihrem Leben weder eine Ausbildung absolviert noch eine Arbeitsstelle besessen", weiß Corina Reinhardt. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Als zehnfache Mutter, das erste Kind kam mit 16 Jahren, musste sie ein "Familienunternehmen" managen.
"Sie hat uns beim Bewerbungsgespräch als hochmotiviert überzeugt", meinte Heimleiter Jürgen Kraus. Er bekennt, vorab durchaus Bedenken gehabt zu haben, "doch wer mit zehn Kindern klar kommt, der kann das auch mit älteren Menschen". Dass sie in der Vorbereitung auf die Bürgerarbeit nur einen Tag wegen Krankheit gefehlt habe, sei ein weiterer Pluspunkt für die 34-Jährige gewesen. "Wenn wir ihr keine Chance geben würden, könnte sie sich auch nicht beweisen." In den kommenden drei Jahren wird sie deshalb das tägliche Leben der Heimbewohner mit zusätzlichen Angeboten bereichern. Ob im Park spazieren gehen, mit den Rentnern basteln und singen oder mit Spielen das Gedächtnis trainieren, die Tätigkeiten sind vielfältig.
Auch an den Wochenenden und abends bis 18.30 Uhr zu arbeiten, schreckt Sindy Barchmann nicht ab. "Es erfordert halt eine gute Organisation in der Familie", sagt sie, die nach der Trennung mit einem neuen Partner zusammen lebt. "Darauf wird sich jedes meiner je fünf Mädchen und Jungen zwischen drei bis 18 Jahren einstellen müssen", will sie die Euphorie in der Familie nutzen.
Was nach den drei Jahren passiert, steht noch offen. "Ich will aber meine Chance nutzen", hofft sie anschließend auf die Fortsetzung mit einer Tätigkeit im sozialen Bereich. "Wenn ich jetzt nicht ins normale Berufsleben finde, wird es immer schwieriger", weiß sie selbst.
Das Urteil darüber werden andere fällen müssen, wie die 18 Senioren oder ihre eigenen Kinder. "Wir hoffen mit ihr, dass sie es schafft", betont Jürgen Kraus.
Harzer Volksstimme, 02.12.2011